Vom Leben im Zug zum Zugführer

Vom Leben im Zug zum Zugführer – und was sich seitdem verändert hat

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Vom Leben im Zug zum Zugführer
Links der Zug, in dem ich arbeite – rechts der, in dem ich lebe

Hier war es in den letzten Jahren ziemlich ruhig. Dabei ist in dieser Zeit mehr passiert, als ich hier je hätte festhalten können.
Vielleicht habt ihr den ein oder anderen Medienartikel gesehen – ich habe inzwischen die Seite gewechselt und arbeite heute selbst als Zugführer.
Doch von vorne an.


Mein letzter Post ist vom Jahreswechsel 2023/2024 – schon eine Weile her. Mitten in der Zeit, in der mein Leben im Zug so richtig intensiv war. Mein Leben im Zug, begonnen im Sommer 2022, war eigentlich nur für ein Jahr geplant. Doch jedes Jahr aufs Neue verlängerte ich meine BahnCard 100, die Karte, die mein Leben im Zug überhaupt erst möglich machte. Zu sehr genoss ich dieses Leben.

Mit der Zeit fing ich immer mehr an, bestimmte Dinge bei der Eisenbahn auch aus der betrieblichen und nicht nur aus Fahrgastsicht verstehen zu wollen. Warum fährt der Zug nicht ab? Warum sind wir auf freier Strecke zum Halten gekommen? Was heißt „Verzögerung im Betriebsablauf“ eigentlich wirklich?

Anfang 2025 wurde mein Interesse an der Eisenbahn dann so groß, dass ich meine Bewerbung als sogenannter „Gute-Laune-Schaffner“ bei einem privaten Eisenbahnunternehmen abschickte. Nach einer kurzen „Gute-Laune-Schulung“ begann ich wenige Monate später auch schon und arbeitete fortan meist am Wochenende auf Zügen und half Reisenden beim Einstieg und bei Informationen zu ihrer Reise.
Doch ich merkte recht bald, dass ich mir auch mehr bei der Eisenbahn vorstellen könnte. Zu dem Zeitpunkt, im Sommer 2025, begann gerade das vierte Jahr meines Lebens im Zug. So entschloss ich mich ziemlich spontan, den letzten Platz für die Ausbildung zum Zugführer zu besetzen. Dass es sich dabei nicht um eine klassische Ausbildung, sondern um einen sechsmonatigen Quereinstieg handelte, war mir schon vorher klar. Doch die Komplexität der Eisenbahn innerhalb dieser kurzen Zeit zu verstehen, war wirklich nicht immer einfach. Es war nach drei Jahren Leben im Zug das erste Mal, dass ich wieder für eine längere Zeit nicht jede Nacht im ICE übernachtete – anders wäre es bei fünf Tagen Ausbildung pro Woche nicht gegangen. Eine große Umstellung. Umso froher war ich, als ich nach vier Monaten theoretischer Ausbildung endlich in die Praxis durfte – zwar noch immer in Begleitung eines Ausbilders, aber endlich wieder quer durch Deutschland.

Im Januar dieses Jahres konnte ich dann meine Ausbildung zum Zugführer erfolgreich abschließen – ein besonderes Gefühl, nach so langer Zeit als Fahrgast nun beruflich auf der anderen Seite zu stehen. Seitdem arbeite ich Vollzeit als Zugführer, nicht zu verwechseln mit dem Lokführer. Ich als Zugführer, bei der DB auch Zugchef genannt, bin verantwortlich für die Sicherheit der Fahrgäste, das Abfertigen des Zuges, das Vorbereiten im Betriebsbahnhof und die Einteilung des Personals an Bord.

Abfertigung des Zuges vor der Abfahrt

Das Leben im Zug habe ich dabei nie hinter mir gelassen. Ich habe weiterhin keine Wohnung und fühle mich auf den Schienen zuhause. Ob ich jemals wieder ohne die Freiheiten einer BahnCard 100 leben wollen würde? Ich glaube nicht.

Aufgrund meines Jobs verbringe ich zwar einige Nächte pro Woche in Hotels, die arbeitsfreien Tage verbringe ich aber nach wie vor häufig im ICE – auch nachts. Dabei ist das Leben im Zug in den letzten Jahren nicht unbedingt einfacher geworden. Die Auslastung der Züge steigt von Jahr zu Jahr – grundsätzlich ein tolles Zeichen, dass immer mehr Menschen mit der Bahn fahren wollen. Aber dabei noch genug Platz zum Schlafen zu finden, ist nicht immer einfach.

Immer mehr Zeit meiner Zugfahrten verbringe ich mit einem Projekt, das ich Anfang 2025 zunächst nur für mich privat und mittlerweile auch für andere Bahnreisende entwickle. Entstanden aus meinen vielen persönlichen Erfahrungen beim Bahnfahren habe ich mir als Softwareentwickler vorgenommen, weniger erfahrenen Bahnreisenden das Bahnfahren zu erleichtern.

Dabei ist die App „BahnCloud“ entstanden, die sich aktuell noch in Entwicklung befindet, aber bereits genutzt werden kann und in der ich viele Infos rund ums Bahnfahren zur Verfügung stelle. Eine für mich besonders wichtige Funktion ist die Anzeige der reservierten Sitzplätze pro Zug bzw. Wagen. Die Idee ist ursprünglich entstanden, weil ich nachts im ICE häufiger geweckt wurde, da der Sitzplatz, auf dem ich schlief, doch reserviert war – anders, als es die Reservierungsanzeige zunächst vermuten ließ. Oder auch, weil ich in Wagen eingestiegen bin, die extrem voll waren, während andere nahezu leer gefahren sind.
Mit der Reservierungsanzeige der von mir entwickelten App gehört dieses Problem jetzt größtenteils der Vergangenheit an. Aber auch andere praktische Funktionen wie Statistiken, Echtzeitinfos und Lounges habe ich implementiert.

Verbindungssuche, Zugsuche, Reservierungen und Echtzeitinformationen – alle Informationen zu deiner nächsten Reise.

BahnCloud

Was als Experiment für ein Jahr begonnen hat, ist längst ein fester Teil meines Lebens geworden.
Ich liebe das Zugfahren – und heute ist der Zug für mich mehr als nur ein Ort zum Reisen, auch wenn sich vieles daran nicht verändert hat.